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Bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2012 hatte ich die Möglichkeit am Coppenrath Stand ein paar Worte mit Autor Michael Römling zu wechseln. Jetzt stand er mir für ein Interview Rede und Antwort.

Michael Römling


Kurzbiografie von Michael Römling:
Geboren bin ich 1973 in Soest, dort habe ich auch Zivildienst (Altenpflege) gemacht, 1993 bin ich nach Göttingen zum Studieren, dabei zweimal Ausland (Besançon und Rom), ab 2000 dann mit Doktorandenstipendium am Deutschen Historischen Institut in Rom. 2005 kam meine erste Stadtgeschichte raus, dafür habe ich den Tertulla-Verlag gegründet, danach kamen dann Münster, Aachen und Bremen und 2009 der erste Roman "Signum" zur Varusschlacht. Zwischendurch weitere Projekte mit Tertulla und 2012 "Schattenspieler". Neues Romanprojekt ist in Planung. Außerdem arbeite ich gerade in Aachen an einem Audioguide-Projekt für die Altstadt.


Guten Tag Herr Römling,

es freut mich sehr, dass Sie sich sofort nach unserem kurzen Gespräch auf der Buchmesse Frankfurt bereit erklärt haben, mit uns (Solitary’s Bücherecke & Rezi-Online.de) ein Interview zu machen. Dankeschön nochmals.

Bevor wir starten, wie war die Buchmesse für Sie?

Kann ich kaum sagen, weil ich abseits der Signierstunde fast nichts davon mitbekommen habe. Am Wochenende ist es immer rappelvoll und ich bin einer, der sofort die Geduld verliert, wenn es irgendwo nicht vorwärts geht. Ich habe mich hauptsächlich in der Halle mit den antiquarischen Büchern rumgedrückt. Da war’s nicht so voll, außerdem habe ich eine Schwäche für alte Sachen. Schöne Überleitung zur nächsten Frage übrigens.  

Sie haben in Göttingen Geschichte studiert und sind diesem Genre auch mit Ihren Büchern treu geblieben. Was fasziniert Sie so an dem Vergangenen?

Erstens geht für mich von alten Dingen eine starke Anziehungskraft aus. Bleiben wir mal in der Antiquitäten-Halle: Da nehme ich meinetwegen ein dreihundert Jahre altes Buch aus dem Regal. Und noch bevor ich zu lesen anfange, rattert sofort die Vorstellungsmaschine los: Wer war wohl der erste Besitzer? (Wahrscheinlich einer mit Lockenperücke.) Wo hat er das Buch gekauft? Warum hat er diesen oder jenen Satz unterstrichen? Mich fasziniert vor allem das Unmittelbare, alte Briefe oder Tagebücher, aber auch (und auf ihre Weise vielleicht noch mehr) ganz banale Momentaufnahmen wie Graffiti auf Wänden oder auch Gegenstände aus Ausgrabungen. Im Portemonnaie habe ich eine 1800 Jahre alte Münze und manchmal fällt sie mir beim Bezahlen in die Hand und dann denke ich kurz: Unglaublich, mit genau diesem Stück Metall hat wahrscheinlich irgendein verlauster Legionär mal seine Zeche bezahlt.
Zweitens hilft Geschichte uns, die Gegenwart zu verstehen, weil wir Abstand zu ihr gewinnen, so wie man seine Heimat mit anderen Augen sieht, wenn man lange weit weg war. Viele Dinge sind weniger selbstverständlich. Denn wenn man sich mit Geschichte befasst, dann muss man lernen, Sachverhalte von ganz verschiedenen Seiten zu beleuchten. Wenn man das ein bisschen geübt hat, fällt es einem leichter, auch die Gegenwart spielerisch mal von einem anderen Standpunkt zu sehen. Viele Dinge werden weniger selbstverständlich und weniger zufällig. Und man hat auf die alte Sesamstraßenfrage (Wieso, Weshalb, Warum) ab und zu eine Antwort parat.
Drittens mag ich das Wechselspiel aus Fakten und Phantasie. Wenn ich einen historischen Roman schreibe, dann ist das ein bisschen wie ein umgekehrtes Malbuch: Im normalen Malbuch bekomme ich die Konturen des Bildes vorgegeben und kann sie ausmalen, wie ich will. Im historischen Roman male ich das Bild, wie ich will, muss aber für bestimmte Dinge bestimmte Farben nehmen. Und dazu muss ich mich vorher schlau machen. Ich muss die Zeit verstehen, in der die Handlung spielt.

Könnten Sie sich denn vorstellen, außer historischen Romanen und Stadtführern auch einmal ein ganz anderes Genre einzuschlagen?

Ich könnte mir schon vorstellen, auch mal einen Roman in der Gegenwart spielen zu lassen, ja. Dann würde ich aber wahrscheinlich auf andere Länder als Schauplatz ausweichen, oder es müsste was ziemlich Schräges passieren. Meine eigene Wirklichkeit oder irgendwelche Befindlichkeiten meiner Generation will ich eigentlich nicht dokumentieren (vielleicht kommt das noch). Aber ein Buch gibt es, das würde ich gern eines Tages mal schreiben: eine Geschichte der Stadt Rom. Damit wäre ich ein paar Jahre beschäftigt. Das Problem wäre dann nur, dass es danach in puncto Stadtgeschichte keine Steigerung mehr gäbe.

In Ihrem aktuellen Jugendroman „Schattenspieler“ geht es um einen kleinen jüdischen Jungen, der es schafft den Nazis zu entfliehen. Wie kamen Sie gerade auf dieses brisante Thema?

Das Pferd wurde vom Schwanz her aufgezäumt. Die Frage war nicht: Über welche Epoche schreibe ich denn als nächstes? Sondern wir haben im Verlag verschiedene Themen durchgesprochen und sind bei dem Schatz hängen geblieben, um den es in Schattenspieler geht. Es sollte also ein Roman um diesen Schatz werden, und die ganze Geschichte mit Leo ist dann darum herum gewachsen und hat immer mehr an Bedeutung gewonnen.
Brisant ist das Thema eigentlich nicht. Allerdings ist es nicht ganz einfach, das Innenleben von jemandem zu beschreiben, der 15 Jahre alt ist, als Kind kaum etwas anderes als Schikanen und Terror erlebt hat, seine Eltern verloren hat, sich schließlich unter ständiger Lebensgefahr in einer zerbombten Stadt durchschlagen muss – und dabei auch noch seinen Lebensmut behält. Ich habe mich darüber mal mit einem Kinderpsychiater unterhalten, wie das überhaupt geht. Aber es geht. Es gibt Menschen, die das aushalten und nicht kaputtgehen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Buch schreiben? Haben Sie dann bereits die Handlung im Kopf oder beginnen Sie mit einer Szene und warten was sich daraus entwickelt?

Ich plane die Handlung ziemlich genau durch, bevor ich mit dem Schreiben anfange. Eigentlich steht Kapitel für Kapitel fest, wenn ich den ersten Satz zu Papier bringe. Allerdings wird im Verlauf des Schreibens noch einiges umgeworfen: Figuren tauchen auf, die nicht eingeplant waren und manchmal nimmt die Handlung noch ganz andere Wendungen als geplant. Aber eigentlich habe ich von Anfang an ein Handlungsgerüst.

Ihr Buch „Schattenspieler“ hat bis auf wenige Ausnahmen durchweg sehr positive Kritiken erhalten. Herzlichen Glückwunsch dafür! Was glauben Sie selbst ist der Grund dafür?

Die Frage beantworten die Rezensenten selbst. Wenn ich mir die Kritiken bei Amazon und anderswo durchlese, dann würde ich sagen: Erstens kommen die Perspektivwechsel gut an, weil sie dem Buch Tempo geben (einigen geht es aber immer noch nicht schnell genug). Zweitens finden die meisten Leser die Beschreibungen plastisch. Und das war ja auch mein Anliegen: ein Bild von dieser Trümmerwelt und von den Menschen zu zeichnen, die sich darin bewegten. Und die Trümmer sind ja nicht nur in den Straßen, sondern auch in den Köpfen. Wenn mir jemand sagt, dass ich das glaubwürdig beschrieben habe, dann ist das für mich das größte Kompliment. Bei den Lesungen kommen übrigens die Dialogpassagen am besten an, weil sie lebhafter sind.

Das Buch wirkt sehr komplex, die Geschichte hat viele, gut durchdachte, aber auch sehr markante Figuren. Es gibt viele Handlungsstränge etc. Ganz direkt gefragt, kommt es vor, dass sie sich auch selbst mal beim Schreiben in Geschichten verstricken oder fällt es Ihnen eher leicht alle Geschehnisse etc. beim Schreiben direkt zu überblicken?

Eigentlich überblicke ich die Geschichte, aber vor allem wenn man während ihrer Entstehung etwas ändert, schleichen sich leicht logische Fehler ein: Es reicht ja, dass irgendwo eine kleine Dialogpassage eingefügt wird, und schon kann es passieren, dass weiter hinten im Buch jemand etwas sagt, was keinen Sinn hat. Auch bei der zeitlichen Abfolge muss man aufpassen, wenn man so viel zwischen Personen und Schauplätzen hin und her springt. In diesem Fall ist es dann eher ein Nachteil, dass man die Geschichte zu gut kennt: Man überliest die Stellen, an denen man eigentlich stutzen müsste.

Welche Figur aus dem Buch ist ihr persönlicher Favorit und welche Stelle mögen sie selbst besonders?

Mein Liebling ist Oberst Sirinow: Der gefällt mir so gut, dass er wahrscheinlich im nächsten Buch wieder auftauchen wird. Meine liebsten Passagen sind die Ankunft in der Villa (als Marlene Klavier spielt), das Konzert in der ausgebombten Halle und die Szene im Bunker, als das Licht ausfällt.

Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu Ihren Lesern?

Wichtig genug, dass ich gern mehr davon hätte. Ich bin gerne auf Lesungen, weil die Zuhörer meistens sehr interessiert sind (selbst in Schulen, wo sie sich ja nicht aussuchen können, ob sie kommen oder nicht). Allerdings haben die meisten das Buch zu dem Zeitpunkt noch nicht gelesen. Für den Austausch mit Lesern müsste ich wahrscheinlich bei Facebook aktiver werden. Ich habe das bisher etwas vernachlässigt, weil ich der Ansicht bin, dass man nur was posten sollte, wenn man auch was zu sagen hat. Und, ehrlich gesagt, es ist mir auch zu blöd, jede gute Rezension zu posten (und die schlechten zu verschweigen), nach dem Motto: Hach Kinder, die Kritiker haben’s schon wieder getan. Aber wenn mir jemand über Facebook Fragen zum Buch (oder wozu auch immer) stellen oder sich ausmähren will: immer willkommen!

Neben Ihrer Autorentätigkeit besitzen Sie ja auch noch einen eigenen Buchverlag. Würden Sie uns kurz davon erzählen? Wie ist er entstanden und welche Art von Büchern verlegen Sie?

Es fing 2005 an. Ich hatte meine erste Stadtgeschichte geschrieben und suchte einen Verlag. Und dann meinte jemand: Mach doch selbst! Also habe ich mit zwei alten Freunden aus Schule den Tertulla-Verlag gegründet. Wir machen, so kann man das zusammenfassen, Bücher über Städte: Schicke Stadtgeschichten, schicke Bildbände und seit neuestem auch schicke Stadtführer.

Zum Schluss noch eine persönlichere Frage. Was macht Herr Römling, wenn er mal nicht schreibt oder Bücher verlegt?

Dann zählt Herr Römling sein Geld. Und fragt sich, was er falsch macht.

Danke schön für das nette Interview und wir wünschen weiterhin viel Erfolg und hoffen noch viel von Ihnen zu lesen.

© Michael Römling, Frank Peiker (Rezi-Online.de), Cornelia Bruno

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