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Heute habe ich ein Interview für Euch mit einer Autorin, die ich erst vor Kurzem für mich entdeckt habe. Ihr Schreibstil gefällt mir sehr gut und ich hoffe noch viel von ihr lesen zu können. Mit ihrem Roman „UNLAND“ gab es eine Leserunde bei LovelyBooks und Antje begleitete diese mit viel Herzblut. Sie war voll dabei und das hat mich dazu bewegt ein Interview mit ihr zu machen, um mit ihre über ihre Leidenschaft für das Schreiben und ihre Romane zu sprechen.

Die Autorin

Antje Wagner

© Fotograf Hannes Windrath


wurde 1974 in Sachsen-Anhalt geboren und wuchs in einem kleinen Elbdorf in Fläming auf. Ihre Leidenschaft fürs Schreiben hatte seinen Ursprung zwar schon als Kind, wo sie bereits gern Briefe und Tagebuchs schrieb, aber richtig entfacht wurde sie, während ihres Studiums in Manchester. Schuld daran ist ein vergessener Fotoapparat. Während dem Studium jobbte sie als Kellnerin und Barfrau, was sie gar nicht so schlecht fand. Heute hat sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und kann davon Leben. Antje lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Hannover.

Guten Tag Antje,

schön, dass Du bereit bist, ein Interview mit mir zu machen.

Ich habe gehört, dass VAKUUM verfilmt werden soll. Herzlichen Glückwunsch! Was ist das für ein Gefühl für Dich?

Pure Freude! J Zuerst konnte ich es gar nicht fassen.
Mich schrieb der Regisseur Damir Lukacevic an, der VAKUUM gelesen hatte, begeistert war und mich fragte, ob ich etwas dagegen hätte, wenn es fürs Kino verfilmt würde. Ehrlich – ich war baff. Nicht nur, dass sich jemand für das Buch als Filmstoff interessierte – es war auch noch so ein erstklassiger Regisseur mit jeder Menge Auszeichnungen. Ich habe mir seinen letzten Film TRANSFER angeschaut – ein SF-Drama, in dem sich vier Seelen zwei Körper teilen – und dachte: Wie aufregend, dass jemand mit einer so spannenden und sensiblen Bildsprache, mit einem so genauen Blick sich für mein Buch begeistert.
Mein Verlag hat sich genauso gefreut wie ich – und natürlich haben wir sofort Steven Spielberg abgesagt. *g*

Bis vor Kurzem warst Du noch auf der Festung Dilsberg zum Arbeitsaufenthalt. Würdest Du uns kurz davon erzählen? Wie kam es dazu?

- Ich bin da immer noch. *g* Und noch bis Ende April. -

Literarische Autor/innen können sich mit einem aktuellen Buch-Projekt um ein Stipendium bewerben (z.B. beim Kultusministerium unseres Bundeslandes oder bei einer Kulturstiftung), und dann entscheidet eine Jury über die Vergabe der Förderung.
So eine Förderung besteht aus einer finanziellen Unterstützung für z.B. drei Monate (sodass wir einmal ohne wirtschaftliche Zwänge eine Zeit lang an unseren Büchern arbeiten können) und manchmal eben auch aus einem kostenfreien Aufenthalt für ebendiese Zeit in einem sogenannten Künstlerhaus oder einer Künstlerwohnung.
Solche Künstlerwohnungen sind sehr verschieden. Manchmal wohnt man unter dem Dach einer Synagoge (Erfurt) oder in einem Turm (Mannheim) oder in Wassermühle (Lamspringe), in einer Burg (Beeskow) oder in einer Festung (hier in Dilsberg). Diese Festung liegt auf einem Berg und mein Zimmer ist unterm Dach und hat eine unglaubliche Aussicht auf den Kraichgau. Ich komme vor lauter Aussicht kaum zum Schreiben. *g*
Der „Sinn“ eines solchen Aufenthaltsstipendium besteht darin, der Autorin, „Zeit“ zu schenken. Geld bedeutet für uns ja buchstäblich Zeit, weil wir uns einmal ausschließlich aufs Schreiben konzentrieren können. Normalerweise müssen wir durch die ganze Republik fahren und Lesungen machen, denn nicht der Buchverkauf, sondern Lesungen sind unser wichtigster Broterwerb. Ein Stipendium erlaubt uns, eine Weile veranstaltungsfrei und total konzentriert arbeiten zu können.
Der Aufenthalt an dem fremden Ort wiederum bedeutet, dass wir aus unserem normalen Umfeld heraustreten können und ganz anderen Input haben. Wir schmoren also nicht in unserem eigenen Sud, sondern erleben für eine Zeitlang ganz andere Impulse: andere Menschen, andere Räume. Das kann inspirierend sein. Diese alten Gemäuer hier passen z.B. hervorragend zu meinem im Arbeit befindlichen Buch – einem Mystery-Roman. Ich kann alle Eindrücke in mich einfließen lassen, die ich mir sonst mühsam aus den Fingern gesogen hätte. Lachend

Bei Deiner letzten Leserunde auf LovelyBooks hatte ich das Glück mitlesen zu dürfen. Dort wurde den Bewerbern zu Anfang folgende Frage gestellt: „Vielleicht wart ihr selbst irgendwann schon einmal in einer Außenseiterposition. Die negativen Auswirkungen kennt wahrscheinlich jeder. Aber bietet diese Position vielleicht auch Möglichkeiten?“ Wie würdest Du diese Frage beantworten?

Echte Außenseiterpositionen bieten – wie der Name sagt – die Sicht von außen. Wir selbst stecken allermeistens in den „Mitten“, auch wenn wir das oft empört weit von uns weisen. Es stimmt aber tatsächlich nur in den allerseltensten Fällen, dass wir wirklich draußen stehen, a u ß e r h a l b von allem. Zwar wollen wir uns unterscheiden, aber die Sicherheiten um Gottes willen nicht aufgeben – und das macht uns nicht zu Außenseitern, sondern reiht uns in die Individualitätssucht unserer Zeit ein, macht uns quasi „gleich“.
Wenn man jedoch wirklich außen steht, sieht man auf die Mitte drauf, was die Mitte selbst eben oft nicht kann. Dadurch gewinnt man eine völlig andere Sicht auf diese Situation. Wenn man das kommuniziert, kann man andere Menschen in diesen Blick mit hinein nehmen – ihn teilen. Der Außenseiterblick ist tatsächlich etwas sehr Besonderes, er weitet das Blickfeld, verschiebt den Horizont und öffnet die Selbsterkenntnis. Damit spreche ich besonders von den Menschen, die diesen Blick eben nicht haben, weil sie eben nicht außen stehen.
In der Leserunde hat übrigens fast jeder geantwortet: Ich bin ein Außenseiterin. Fast jeder meinte damit aber etwas anderes, nämlich: Ich bin Individualistin. Dieser Gedanke entspringt in meinen Augen eben einem Unterscheidungswunsch, der unsere Zeit prägt und „trendy“ ist. Mit Außenseitertum ist das nicht gleichzusetzen. Allein die Tatsache, dass fast alle sagen: Ich bin anders, macht ja schon wieder eine Gemeinsamkeit, ein Einverständnis, ein Mitte aus.

UNLAND handelt u.a. von Kindern, die in einem Wohnprojekt leben und alle ein schlimmes Schicksal hinter sich haben. Wie bist Du auf die Idee dazu gekommen? Hast Du Dich mit solchen Schicksalen vorher befasst?

Ich bin mit besonderen Menschen aufgewachsen. Mit Menschen, die zu Außenseitern gemacht wurden. Ich komme aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, und gegenüber meinem Elternhaus stand ein Kinderheim. Es gab eine Tradition in der Schule: Jedes Nicht-Heimkind hatte eine Patenschaft mit einem Heimkind. Und das betraf nicht nur die schulischen Dinge, sondern auch die privaten. Man befreundete sich, besuchte sich gegenseitig, arbeite, spielte und redete miteinander.
Es war „Normalität“, von den befreundeten Heimkindern zu wissen, was sie erlebt haben, was Eltern Kindern antun konnten. Erst sehr viel später, da war ich schon Mitte zwanzig, hat es „Klick“ gemacht bei mir, und ich wusste, dass ich darüber schreiben muss.
Wichtig war mir, realistisch darüber zu schreiben. Was mich wirklich ärgert, ist die Art, in der Heimkinder oder Kinder, die in anderen Strukturen als den normalen familiären aufwachsen, in der Literatur oft stigmatisiert werden. Sie werden als defizitär dargestellt, als Menschen, denen etwas fehlt, und dann kommt so ein großer Mitleidsgestus in den Text, den ich einfach unmöglich finde. Dadurch werden Menschen abgestempelt. Als bemitleidenswert, schwach, nicht so fähig wie die „Normalen“. Das ist einfach nur gemein.

Wenn ein Mensch z.B. blind ist, könnte man sagen: Der Arme! Und das wäre ganz genau dasselbe. Es wäre falsch. Der hat einen Sinn weniger zu sagen – ist für mein Gefühl und meiner Erfahrung nach genau die verkehrte Sichtweise. Man kann auch anders herangehen, denn alles, was fehlt, wird ja kompensiert. Zwar fehlt vielleicht der Sehsinn, aber dafür kommt eventuell ein Farben-Fühl-Sinn hinzu, ein sechster Sinn also, eine Besonderheit, die wir „Normalen“ gar nicht kennen.
Andere Sinne werden geschärft, die Randstellen der normalen Wahrnehmungen, die bei „Normalen“ brachliegen, aktiviert, und so tritt etwas Neues an die Stelle des Alten – etwas, was die meisten Menschen nicht haben und nicht verstehen.
Immer vom „Verlust“ auszugehen, ist meiner Meinung nach schlicht kurzsichtig, denn es geht immer auch um eine Kompensation, ein Ersetzen. Etwas Anderes tritt hinzu.
So ähnlich kann man sich das auch bei Menschen mit solchen besonderen Schicksalen vorstellen. Sie bestehen nicht aus „Defiziten“, sondern haben etwas Anderes. Fähigkeiten, die wir selbst nicht entwickelt haben, weil wir das nicht mussten. Mich hat ganz einfach dieser Blick auf Defizitäre sehr geärgert – ich finde den Blick auf die Ressourcen, das Besondere viel spannender. Und realistischer.  

Wie lange hat es gedauert UNLAND zu schreiben und war Dir von Anfang an bereits klar, wie die Geschichte enden wird?

UNLAND hat zweieinhalb Jahre gedauert, wobei die Figurenarbeit die meiste Zeit in Anspruch genommen hat.

Was ist das Spannendste für Dich an einem neuen Buchprojekt?

Die Herausforderung.
Ich muss das Gefühl haben, dass ich es eventuell nicht schaffe. Das kann eine inhaltliche Sache sein (dass ich z.B. viel recherchieren muss oder mich emotional verausgaben) oder eine formale – wie eine anstrengende, komplexe Dramaturgie.
Wenn ich ein „leichtes“ Thema und eine „leichte“ Form hätte, würde mich das nicht zum Schreiben treiben. Das wäre dann nichts „Künstlerisches“ für mich, sondern eine Art … ich weiß nicht ... Fließbandarbeit?

Gibt es ein Genre, welches Du bisher noch nicht bedient hast, aber in welchem Du Dich ganz gern mal versuchen würdest?

Ich kann nicht für die Zukunft sprechen. Vielleicht interessiert mich später mal etwas, was ich mir jetzt nicht vorstellen kann. Nicht vorstellen kann ich mir z.B. einen historischen Stoff. Aber wer weiß, wie das in zehn Jahren aussieht? *g*

Hinzukommt, dass ich ja eigentlich auch gar nicht wirklich in „Genres“ schreibe. Ich *benutze* aber durchaus bestimmte Genreelemente fürs Schreiben. Das stimmt.
Das Problem, das ich bei Genre-Texten sehe, ist dass jedes Genre seine Regeln hat – und alles, was Regeln hat, ist immer auch in einem gewissen Maße vorhersehbar. Zumindest von der Form her. Man weiß, wie ein Thriller zu funktionieren und welche Elemente ein SF-Roman hat oder wie Horrorromane ablaufen. Sobald aber so eine formale Erwartbarkeit da ist, finde ich selbst das schon wieder langweilig – denn egal, wie du diese Form inhaltlich füllst – sie ist als Form selbst immer schon vorauszudeuten. Und das heißt: Es gibt kaum echte Überraschungsmöglichkeiten.

Ich bin aber jemand, die Überraschungen total mag und selbst gern überrascht. Und in einem Genre funktioniert das eigentlich nur, wenn du die Genregrenzen wieder sprengst. Wenn du Genre quasi eine Weile bedienst und es dann aus den Angeln hebst.
So was machen meine scheinbaren „Genrebücher“. Sowohl UNLAND als auch VAKUUM oder SCHATTENGESICHT bieten am Ende eine Überraschung – und das ist weniger eine „Inhalts“-Überraschung, sondern eigentlich „nur“ die Sprengung des Genres.
Wenn das Genre gesprengt wird, werden die Erwartungen gesprengt, die wir an das Genre haben. Verstehst du? Die Leser/innen sind am Ende meiner Bücher meist völlig perplex, und das liegt daran, dass ich die Genregesetze (z.B. die von Fantasy oder Horror oder Thriller) in den Wind schieße. *g*

Was ist bei Dir ein absolutes No Go in Sachen Schreiben? Worüber würdest Du niemals schreiben?

Über Dinge, die ich nicht vertrete. Das hat natürlich mit inneren Werten zu tun. Ich würde mich vor mir ekeln, wenn ich frauenverachtend oder homophob schriebe.

© Fotograf Hannes Windrath


Auf was dürfen wir uns als Nächstes von Dir freuen?

Ich habe gerade einen erotischen Erzählband beendet, der unter einem offenen Pseudonym erscheinen soll und momentan schreibe ich an einem Mystery-Roman – ebenfalls unter diesem Pseudonym.
Danach möchte ich einen neuen (unheimlichen) All-Age-Roman beginnen, dessen Geschichte ich schon im Kopf habe, und ehrlich – ich bin schon ganz hibbelig, endlich damit anzufangen. Der Roman soll in einem Internat auf einer Insel spielen. Inseln haben ja so eine besondere Eigenschaft: Bei bestimmten Bedingungen (z.B. Wetterkatastrophen) kannst du sie nicht so schnell verlassen, steckst also fest. Man kann da also einen echten Mikrokosmos schaffen und die Personen an Grenzen bringen. Ich freu mich schon wie blöd aufs Schreiben …

Vielen Dank für die aufrichtigen und direkten Antworten liebe Antje. Ich hoffe in Zukunft noch viel von Dir zu Lesen und zu Sehen zu bekommen und wünsche Dir auch für alles Kommende viel Erfolg.

Danke für die schönen Frage, liebe Solitary! Lächelnd



© Antje Wagner, Solitary´s Bücherecke, Cornelia Bruno

Webseite der Autorin: http://www.wagnerantje.de/

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